Jul

4

Ubiquitär, eines der hübschen Worte, die so unwirklich aussehen, dass man sie sich einfach merken muss. Damals benutzt von einem jungdynamischen Consultant, der erklären wollte, warum UMTS schon im Jahr 2000 von jedem genutzt würde. Das ubiquitäre Internet, was nichts anderes heisst wie das allgegenwärtige Internet, und umschreibt – grob zusammengefasst – eine Vision, wie man überall und in jeder Situation mit Internet und digitalen Helfern arbeitet, ohne es überhaupt noch wirklich zu merken.

2010, die Firma, in der der Consultant das Wort aussprach schon lange tot, ist die Vision ein ganzes Stück weit näher gerückt. Internet auf dem Handy ist spätestens seit iPhone und Co nichts besonderes mehr, man twitterfacebookxingt alles und von überall, und die Geburtstagseinladung kommt auch per Webbrowser.

Wenig verblüffend, dass auch emotionalere Dinge sich im Netz wiederspiegeln, ungeschriebene Regeln definiert und wieder gebrochen werden. Der “Friend Request” ersetzt das Telefonnummern tauschen, der “Relationship Status” den Ring. Wann ist man “in einer Beziehung”, und gibt man an, mit wem, oder ist das nur generell? Zeigt man sowas überhaupt? Timing und Form waren schon im Mittelalter wichtig, nur das Medium ist neu. Und sorgt, wie schon im Mittelalter, für Gerüchteküche und Diskussionen.
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Dez

27

Gestern abend, weit nach Mitternacht, im Nebenraum lässt sich ein bekannter House-DJ feiern. Eine Diskussion entsteht, im Zuge dessen es um die Einwohnerzahl von Stuttgart geht. Bedingt durch Stimmung und auch ein, zwei Bier wird die Debatte relativ lebhaft, bis dann ein Handy gezückt wird, und man schaut die Zahl halt eben schnell bei Wikipedia nach. Ich musste an der Stelle dann zugeben, grob falsch gelegen zu sein, Grinsen, Zuprosten, alles geklärt.

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Dez

19

Es sind die schönsten Möbelstücke, die im Haus meiner Eltern stehen: Handgearbeitete Schränke, Kommoden, Tische. Einen ähnlichen habe ich von meinem Großvater geerbt – ein schöner Nußholz-Schrank, den ich als Kleiderschrank benutze. In der linken Innentür steht in Sütterlin die Zahl 1827 sowie zwei weitere Sätze. In diesen Sätzen erfährt man, dass irgendein längst gestorbener Verwandter von mir sich diesen Schrank für sein Büro im Amtsgericht Darmstadt fertigen liess. 1827. Todesjahr Beethovens, einundzwanzig Jahre vor Märzrevolution. Eine Zeit, in der Demokratie und Meinungsfreiheit in etwa so seltsam-diffus klangen wie heute die Vorstellung von privatem Weltraumtourismus.

Ein Schrank also, der seit gefühlt zwanzig Generationen im Familienbesitz unterwegs ist, und vermutlich meistens nach Hausbau oder -kauf und Heirat weitergegeben wurde. Wenn man also davon ausgehen konnte, dass die nächste Generation sesshaft wurde.
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Dez

19

Ob das T-Shirt von H&M oder von einem Designer direkt aus Neuseeland geschickt wird macht keinen Unterschied mehr. Auch die Ersatzakkus, die aus Shenzen versandt werden, unterscheiden sich nur durch das lästige Zollformular noch von dem Exemplar, das man hier kaufen könnte. Und selbst das würde von Amazon kommen, nicht vom Elektronikmarkt auf der grünen Wiese. Ob das Restaurant um die Ecke oder das Hotel am Urlaubsort etwas taugt entscheidet nicht mehr ein Kritiker oder Redakteur, sondern zwanzig andere Menschen, die vor mir schon dort waren.

Einkaufen rund um die Uhr vom Sofa aus, Künstler schon vor dem ersten Albenrelease entdecken: Nun, eh, so what?

Wir kennen Personen und ihre Gedanken schon jahrelang, wenn wir sie das erste Mal in einer Bar treffen. Berlin im Winter ist zu kalt, also sucht man sich einen Job in San Francisco für ein paar Monate, oder geht an die Uni in Australien für das Wintersemester. Schlafzyklen werden optimiert um mehr zu erledigen, mehr zu erleben, mehr zu sehen. Wochenende bedeutet nicht mehr Samstag und Sonntag, und auch nicht “alle sieben Tage”. Der Dollarkurs wird wichtiger als die Tageszeitung morgens im Briefkasten. Neuigkeiten, Tratsch und Skandale verbreiten sich binnen Minuten rund um den Globus. Was ist befreundet, wann kennt man sich?

Die Welt wird anders, Grenzen verschieben sich, Herkunft und Heimat wird nicht mehr durch Nationalität sondern durch Bildungs- und Kulturkreis definiert.

Buzzwords gibt es viele, Blasen und Hypes ebenso – und noch mehr Theorien und selbsternannte Experten, zu dieser neuen Realität, in der wir leben.

Aber was bedeutet das für den Menschen, für uns?